| 2004-05-01 |
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Fachbereich 6 – Mathematik
Prof. Dr. Hartmut Ring
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Abb. 1
Der Umkreismittelpunkt der EU (ohne Kanaren) liegt im Westen von Tschechien

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Abb. 2
Wo liegt der Schwerpunkt des grünen "Bumerangs"?

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Abb. 3
Der mit dem Computer ermittelte Flächenschwerpunkt der EU

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Wo liegt die Mitte Europas?
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| Das Problem |
Im Rahmen der EU-Erweiterung am 1. Mai 2004 wurde in den Medien das
Westerwald-Nest Kleinmaischeid als die neue Mitte angegeben.
Wie kommt man zu dieser "Erkenntnis"? Zwei Studierende fragten mich heute (am 1. Mai) in einer E-Mail:
"... ob es nicht mit Hilfe der Mathematik und Informatik möglich ist,
einen präzisen Punkt zu bestimmen, der die genaue Mitte der erweiterten EU angibt."
Bevor man mit mathematischen Berechnungen anfängt, muss man sich zunächst einmal über die
"Spielregeln" einigen. Und genau da liegt der Hase im Pfeffer:
So könnte man z. B. mit dem Mittelpunkt der EU den Punkt meinen,
von dem der weitest entfernte Ort möglichst nah ist (also den Mittelpunkt des Umkreises).
Dann läge (wenn man die Kanarischen Inseln, Madeira etc. weglässt) die Mitte im Westen von Tschechien (Abb. 1).
Wie man aus der Abbildung erkennt, hat unter den zehn neuen Staaten nur Zypern zur Verschiebung
des Umkreismittelpunkts beigetragen.
Bei der Kür von Kleinmaischeid wurde angeblich der Schwerpunkt ermittelt.
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| Was ist der Schwerpunkt? |
Aber auch der Schwerpunkt der EU ist keinesfalls eindeutig definiert:
Wie tief in den Boden erstreckt sich die EU? Wird das Gewicht der Berge berücksichtigt?
Um einfacher rechnen zu können, wird man offenbar nur einen gleichmäßig dichten Teppich
ausbreiten und dessen Schwerpunkt bestimmen.
Damit hören die Fragen aber nicht auf: Gehören z. B. die großen Binnenseen in Schweden mit zur Fläche,
aber das Stettiner Haff nicht (weil es zum Meer geöffnet ist)?
Hat man diese Fragen geklärt, benötigt man für ein genaues Ergebnis exakte geografische Daten
und muss die kugelähnliche Form der Erde berücksichtigen.
Übrigens liegt der so ermittelte Schwerpunkt wegen eben dieser Kugelform
viele Kilometer unterhalb der Erdoberfläche.
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| Berechnung des Schwerpunkts |
Die Berechnung des Schwerpunktes ist -- wenn man sich auf das Flächenmodell geeinigt hat,
und wenn genaue geografischen Daten zur Verfügung stehen -- das einfachste Teilproblem.
Man erhält die Koordinaten des Schwerpunkts des Gebiets G aus dem Integral der Koordinate
("Hebelarm") über das Gebiet, geteilt durch die Fläche A(G):

Allerdings kann man nicht einfach eine beliebige
Karte aus einem Atlas verwenden, weil bei der Projektion der kugelähnlichen
Erde in die Ebene immer Kompromisse eingegangen werden müssen. Abb. 2 zeigt ein Extrembeispiel:
Wenn man die grüne Form ausschneidet, liegt der Flächenschwerpunkt rechts außerhalb der Fläche.
Tatsächlich ist er natürlich genau auf dem mittleren Längenkreis.
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| Eine vereinfachte Berechnung ... |
Das "Geoid" (die Erdoberfläche in Meereshöhe) ist einer Kartoffel ähnlich,
die von einem Rotationsellipsoid um bis zu etwa 100 m nach oben und unten abweicht.
Beim Gebiet der EU ist der Fehler nicht groß, wenn man die Erde als Kugel ansieht
und diese auf eine Tangentialfläche projiziert, die etwa in der Mitte der EU anliegt.
Ich habe mit dem Encarta Weltatlas zunächst eine politische Europakarte mit einer solchen
Projektion erzeugt (ungefähre EU-Mitte in Kartenmitte).
Durch Flutfüllung der EU-Länder und einfache Nachbearbeitung in einem Malprogramm ergab sich daraus
die in Abb. 1 verkleinerte Schwarzweiß-Karte.
Nun braucht man nur noch ein Programm zum Pixelzählen.
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| ... mit dem Computer |
Hier sehen Sie eine komplette Schwerpunktberechnung in C++ mit der Qt-Grafikbibliothek:
#include
#include
#include
int main(int argc, char* argv[]) {
QApplication myapp (argc, argv);
QImage img("c:\\Uni\\Math-Inf\\EU-2004\\eu-3-mono.png");
int area=0, xsum = 0, ysum = 0;
// Diskretes Integral über alle schwarzen Pixel:
for (int x=0; x
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| Ergebnis des Versuchs |
Das C++-Programm gibt die Pixelkoordinaten des Schwerpunkts aus.
Wenn man diesen Punkt in der (noch nicht nachbearbeiteten) Karte markiert (Abb. 3),
landet man nicht in Kleinmaischeid sondern in der Nähe von Marburg.
Das bestätigt das Ergebnis, das Herr Kollege Oltersdorf mit einem aus Modelliermasse
ausgeschnitten Modell durch Ausbalancieren ermittelt hat (Westfälische Rundschau, 28. 04. 04).
Auch wenn man die Kanarischen Inseln (die zwar zur EU aber nicht zu Europa gehören)
mit hinzunimmt, bleibt der der Schwerpunkt in der Nähe von Marburg.
Es wäre erstaunlich, wenn der Kartenfehler wirklich so groß wäre.
Wurde Kleinmaischeid mit anderen Spielregeln ermittelt?
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Zuletzt geändert: 01.05.2004
© Hartmut Ring
ring@mathematik.uni-siegen.de
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